Früherkennung des Dickdarmkrebses durch virtuelle Koloskopie?

Stellungnahme des BVGD zu jüngsten Fernsehbeiträgen und Publikationen in zwei renommierten Medizinischen Fachblättern
 
Der Dickdarmkrebs ist weltweit die  dritthäufigste Krebserkrankung und die zweithäufigste Ursache an einem Tod durch Krebs. Jährlich sterben in Deutschland etwa 30.000 Menschen an Dickdarmkrebs. 70.000 Menschen erkranken neu. Die Vorstufen des Dickdarmkrebses, nämlich Polypen, können mittels Endoskopie sicher erkannt und entfernt werden. Die Krankenkassen übernehmen bei jedem Menschen ab dem 55.Lebensjahr, bei Risikogruppen auch früher, die Kosten für eine Vorsorgeuntersuchung mittels Dickdarm-spiegelung (Koloskopie). Leider nimmt die Bevölkerung dieses Angebot noch nicht ausreichend wahr.

Der Bundesverband Gastroenterologie Deutschland, der die in Klinik und Praxis tätigen Fachärzte für Magen- und Darmerkrankungen vertritt, sieht sich zu einer Stellungnahme veranlasst, weil in Sendungen des ZDF und des Bayerischen Fernsehens aus allerjüngster Zeit sowie durch Publikationen in renommierten Medizinischen Fachblättern wie dem „New England Journal of Medicine (NEJM 2008; 359: 1207-1219) und „Gut“(Gut 2008; Vorabpublikation im Internet) der  verhängnisvolle Eindruck vermittelt wurde, dass auch durch die Virtuelle Koloskopie Darmkrebs und seine Vorstufen sicher erkannt bzw. ausgeschlosssen werden. Dem ist nicht so. Zu diesem Ergebnis kommt auch eine Stellungnahme der Amerikanischen Gastroenterologen-vereinigung (AGA) vom 17. September 2008 mit der Schlussfolgerung: „Colonoscopy Still the Definitive Test for Colorectal Cancer Screening and Prevention“.

Früherkennungsmaßnahmen

Derzeit existieren im wesentlichen 3 Vorsorgemöglichkeiten:

  • Die Untersuchung des Stuhls auf verborgenes Blut
  • Die endoskopische Spiegelung des Darms (Koloskopie)
  • „Virtuelle“ Maßnahmen wie die Kolographie mittels Computertomographie oder Kernspinntomographie

Der Stuhlbluttest ist zweifellos das am wenigsten aufwändige, aber auch das Untersuchungsverfahren mit der geringsten Empfindlichkeit. Er kann als alleiniges Vorsorgeverfahren nicht empfohlen werden.

Die Dickdarmspiegelung (Koloskopie) ist mit Abstand das empfindlichste Verfahren zur Dickdarmkrebsfrüherkennung. Damit lassen sich Vorstufen des Krebses und selbst ein beginnender Krebs erkennen und schmerzfrei entfernen. Die Sterblichkeit an diesem Krebs kann so verringert werden. Viele Menschen lehnen diese lebenserhaltende Untersuchung mit dem Argument ab, sie sei schmerzhaft und erfordere eine lästige und umständliche Darmreinigung. Beide Behauptungen sind falsch. Zwar muss der Darm natürlich gereinigt werden. Die hierzu erforderlichen Flüssigkeitsmengen sind viel geringer als früher. In der Regel genügen 2 Liter einer auch vom Geschmack her akzeptablen Spüllösung.
Alle wissenschaftlichen Fachgesellschaften empfehlen die Koloskopie als die primäre Methode zur Darmkrebsfrüherkennung ab dem 55 Lebensjahr.

Die Virtuelle Koloskopie, auch „CT-Kolografie“ genannt, erfordert ebenfalls eine optimale Darmsäuberung. Andernfalls erschweren Stuhlverunreinigungen die Beurteilung des Darms. Viel entscheidender sind aber 2 Argumente, die gegen die CT-Kolografie sprechen:

  • kleine und besonders flache  Krebsvorstufen entgehen diesem Verfahren, aus denen sich im Laufe der Zeit aber unbemerkt inoperabler Krebs entwickeln kann. In den erwähnten Studien  konnten zwar 90 % der Polypen > 1 cm (NEJM), bzw. > 5mm (Gut)  nachgewiesen werden,  35 % der Polypen mit einer Größe zwischen 5 und 9 mm der NEJM-Studie wurden aber nicht entdeckt. Aus diesen und sogar aus noch kleineren Polypen, insbesondere, wenn diese flach sind („flat adenomas“) kann ebenfalls Krebs entstehen. Werden durch die CT-Kolografie Polypen entdeckt, muss zu deren Entfernung doch eine Koloskopie erfolgen
  • Die CT- Kolografie mittels Verwendung neuester Technologien steht derzeit nur wenigen Institutionen zur Verfügung und ist auch dann mit einem Strahlenrisiko, d.h einer Schädigung der Körperzellen mit der Gefahr der strahlenbedingten Krebsentstehung verbunden. Sie ist bei einer asymptomatischen Bevölkerung als Screeninguntersuchung deshalb nicht erlaubt. Eine Erlaubnis durch die Obersten Landesgesundheitsbehörden der Bundesländer  liegt nicht vor.

Schlussfolgerung

Die Dickdarmspiegelung (Koloskopie) ist die beste aller Möglichkeiten, Dickdarmkrebs in seinen Frühstadien sicher zu erkennen oder auszuschließen. Es sollten von Seiten der Ärzteschaft, auch von unseren gastroenterologischen Kollegen, der Gesundheitspolitik und der Presse alle Anstrengungen unternommen werden, in der Bevölkerung bestehende Vorbehalte gegen die Koloskopie abzubauen, um so die Sterblichkeit an dieser immer noch zu häufigen Erkrankung zu reduzieren.

Für den Bundesverband Gastroenterologie Deutschland

Prof. Dr. Rudolf Arnold
Vorsitzender

Oktober 2008