Aktionsbündnis Patientensicherheit mahnt belasteten Pflegern und Ärzten zu helfen

Das Aktionsbündnis Patientensicherheit (APS) forderte mit Beginn seiner Jahrestagung Ende April 2021 dazu auf, dass beim Thema Patientensicherheit in der Politik generell eine Kulturveränderung her müsse. „Wenn man den Gedanken der Patientensicherheit im Gesundheitswesen verankern möchte, dann muss man die allgemeine Haltung zu dem Thema verändern“, sagt die APS-Vorsitzende Dr. Ruth Hecker. Dabei mahnt das APS auch an, dass die Resilienz und die psychischen Abwehrkräfte von Pflegekräften und Ärzten aufgrund der Corona-Pandemie gestärkt werden müssten. Wie das Ärzteblatt zitiert, könnten diese als „second victims“ aufgrund der Belastungen selbst zu Patienten werden. „Pfleger und Ärzte sind keine Helden, sondern Menschen, die auch Bedürfnisse haben“, sagte Professor Reinhard Strametz, Geschäftsführer des Aktionsbündnisses (APS). Jeder Euro, der investiert werde, um die Wunden der vergangenen Monate zu heilen, sei gut investiertes Geld, mahnte Strametz.

Eine Kulturveränderung sei aber ein langwieriger Prozess, der zum einen von unten – über eine Verankerung der Patientensicherheit in der Ausbildung aller Gesundheitsberufe – zum anderen aber über die obersten Entscheidungsebenen ablaufen müsse. Es müssten sämtliche Akteure im Gesundheitswesen ein- gebunden werden – von Krankenhäusern, Körperschaften und politischen Institutionen über Pharma- und Medizintechnikfirmen bis hin zu den Praxen von Ärzten und anderen

Gesundheitsberufen. „In all diesen Bereichen gehört das Thema Patientensicherheit in die Unternehmensstrategie“, so Hecker. Hier müsse es über eindeutig formulierte und mit Hilfe von Kennzahlen nachprüfbare Ziele verankert werden, über die in größeren Firmen auch regelmäßig der Aufsichtsrat informiert wird. Die Verantwortung hierfür liege auf oberster Ebene, also bei einem Mitglied des Vorstands oder der Geschäftsführung, so eine der APS-Forderungen.

Um rasch auf Missstände oder fehleranfällige Mechanismen in der Gesundheitsversorgung reagieren zu können, sollten diese zeitnah und möglichst aufwandsarm identifiziert werden können. Auch hier setzen einige der Forderungen an – etwa die nach Transparenz in Bezug auf Qualität und Patientensicherheit. „Das Prinzip der Freiwilligkeit, das wir in den vergangenen 15 Jahren verfolgt haben, hat hier nicht den gewünschten Erfolg gebracht“, so Hecker. Auch eine Stärkung und Weitentwicklung der Position des/der Patientenbeauftragten der Bundesregierung in eine Ombudsstelle, bei der Betroffene (Patientinnen und Patienten, aber auch alle Gesundheitsberufe) Fehlentwicklungen im Gesundheitswesen melden können – zählt zu den Anliegen des APS. „In einem komplexen Gesundheitswesen entfalten Gesetze oft nicht die gewünschte Wirkung“, erläutert Hecker. Ausbleibende oder möglicherweise sogar negative Auswirkungen könnten nur dann zeitnah erkannt und korrigiert werden, wenn Mechanismen für eine direkte und konstruktive Rückmeldung etabliert würden. Dass selbst gut gemeinte Gesetze beim Kontakt mit der Wirklichkeit schnell Schwächen offenbaren können, hat sich während der Coronapandemie besonders deutlich gezeigt.

„Für behinderte Menschen, die nicht in einem Heim leben, stand aufgrund der fehlenden Priorisierung in Impfgruppe 1 lange Zeit kein Impfstoff zur Verfügung“, berichtet Constantin Grosch, stellvertretender APS-Vorsitzender und Patientenvertreter im G-BA, aus eigener Erfahrung. Als Muskeldystrophie Betroffener wäre er aufgrund seiner beeinträchtigten Atemmuskulatur vermutlich besonders anfällig für einen schweren COVID-19- Verlauf. „Weder ich noch meine acht Helfer, die mich im Wechsel durch den Alltag begleiten, haben eine hohe Impfpriorität erhalten“, sagt Grosch – ein Umstand, der ihn in den vergangenen 12 Monaten zu fast vollständiger Isolation gezwungen hat. Inzwischen ist er vor wenigen Tagen geimpft worden. Allerdings verweist er auf die Situation in der ambulanten und stationären Versorgung vor allem im ländlichen Raum, die oftmals nicht barrierefrei zugänglich sei. Dies erschwere die Impfungen von behinderten Menschen durch Haus- und Fachärzte und gefährde grundsätzlich die Versorgungssicherheit dieser Patientengruppe. Versorgung, die aufgrund von fehlender Barrierefreiheit oder unzugänglichen Informationen gefährdet ist oder gar unterbleibt, stellt ein Risiko für die Patienten dar. Die Forderung nach mehr Barrierefreiheit als Teil der Patientensicherheit findet sich daher auch in den sieben aktuellen Handlungsanstößen des APS wieder.

Zur Pressemitteilung des APS