Haftung bei horizontaler Zusammenarbeit aufgrund von Informationsdefiziten

In der ärztlichen Praxis bzw. in einer Klinik ist die Zusammenarbeit bei der Behandlung eines Patienten mit Ärzten anderer Fachrichtung Usus. Hierdurch kann es jedoch auch zu Haftungsfragen kommen, beispielsweise wie es sich mit der Haftung verhält, wenn ein Gastroenterologe eine Gewebeprobe an einen Pathologen zur Untersuchung und Befundung übermittelt, die sich auf dem Anforderungsschein an den Pathologen befindenden Informationen durch den Gastroenterologen jedoch lückenhaft sind, sodass hieraus ein fehlerhafter Befund des Pathologen resultiert oder dieser bei richtiger Information bestimmte Untersuchungen bzw. Methoden überhaupt erst durchgeführt hätte.

  1. Grundsätze horizontaler Arbeitsteilung

Im Rahmen horizontaler Arbeitsteilung, also soweit die Behandlung gleichberechtigt durch unterschiedlichen Facharztbereichen angehörige Ärzte erfolgt, werden diese je in eigener fachlicher Verantwortung tätig. Ein Gastroenterologe hat im Ausgangspunkt grundsätzlich also nicht für Fehler des Pathologen einzustehen. Jeder Arzt darf hierbei vielmehr auf die sorgfältige Arbeit anderer Ärzte in ihren Fachgebieten vertrauen, soweit keine konkreten Anhaltspunkte für Zweifel existieren, die ihn – gemessen an den in seinem eigenen Fachgebiet zu erwartenden Kenntnissen und Fähigkeiten – veranlassen müssen, die sorgfältige Tätigkeit fachfremder Ärzte zu hinterfragen. Folglich geht die Mindestanforderung an jeden beteiligten Arzt dahin, die Tätigkeit fachfremder Ärzte kritisch auf Plausibilität zu prüfen. Somit darf er sich, solange keine offensichtlichen Qualifikationsmängel oder Fehlleistungen erkennbar werden, darauf verlassen, dass der Arzt des anderen Fachgebietes seine Aufgaben mit der gebotenen Sorgfalt erfüllt. Insoweit besteht folglich keine gegenseitige Überwachungspflicht (vgl. OLG Köln, Urteil vom 08.03.2010 – 5 U 116/09; OLG Hamm, Urteil vom 26.05.2005 – 3 U 127/02).

Das OLG Naumburg hat mit Urteil vom 29.04.2008 – I U 19/07 weitergehende Pflichten in der Arbeitsteilung zwischen überweisendem Arzt und Überweisungsempfänger aufgezeigt. Der Grundsatz der horizontalen Arbeitsteilung reicht nach Auffassung des OLG nämlich nur soweit, wie die jeweiligen Pflichtenkreise der beteiligten Ärzte unabhängig nebeneinanderstehen. Wenn sich die Fachdisziplinen überlappen und ein Arzt – wie im dortig vom OLG entschiedenen Fall – beispielsweise operativ tätig wird, so obliegt diesem grundsätzlich selbst die Pflicht zur Einschätzung der Operationsindikation. Er kann sich auch nicht mit dem Argument entlasten, dass ihm ein Patient „zur Operation“ überwiesen worden sei. Sofern die Operation entweder nicht lege artis oder womöglich gar kontraindiziert sein sollte, kommt dem operierenden Arzt ein entsprechender Verweis auf die Überweisung nicht zugute, da seine eigene originäre Zuständigkeit berührt ist. Der Grundsatz der horizontalen Arbeitsteilung erfährt insoweit durch die Eigenverantwortlichkeit des Arztes in seinem eigenen Fachgebiet eine Einschränkung.

  1. Beurteilung des Beispielsfalls: Haftung Gastroenterologe – Pathologe

Grundsätzlich gilt auch für Leistungen der Pathologie, dass zu jeder Zeit der sog. fachärztliche Standard einzuhalten ist. Die Beurteilung der pathologischen Befunde etwa von Gewebeproben auf Zusendung/Überweisung anderer Fachärzte oder Klinikabteilungen wird also im Haftungsfalle ebenfalls anhand des für dieses Fachgebiet geltenden fachärztlichen Standards beurteilt werden. Dies bedeutet, dass der Pathologe die eingesandten Präparate zunächst unter Berücksichtigung des einzuhaltenden Sorgfaltsmaßstabes, der sich aus den fachlichen Vorgaben für das Gebiet der Pathologie ergibt, eigenständig untersuchen und beurteilen muss und sich hierbei ergebende, sich aufdrängende oder sonstige Erkenntnisse dem einsendenden Gastroenterologen mitteilen muss.

Sofern seitens des einsendenden Gastroenterologen die üblichen und für die Beurteilung notwendigen Informationen unterlassen werden, kann sich unter Umständen eine Pflicht des Pathologen zur Rückfrage ergeben. Dies empfiehlt sich insbesondere, wenn Aufgabenstellung oder Vorbefunde, die für die pathologische Befundung von Bedeutung sind, fehlen oder unklar sind. Im Zweifel ist also jeweils eine Rückfrage beim Einsender sinnvoll.

Denn grundsätzlich haftet zunächst der Pathologe selbst für die Richtigkeit und Vollständigkeit seines Befundes. „Hellseherische“ Fähigkeiten verlangt die Rechtsprechung dabei aber nicht: Über die oben genannte Konstellation hinaus trifft den Pathologen nicht die Pflicht zu intensiven Nachforschungen hinsichtlich etwaiger Vorbefunde etc., wenn deren Kenntnis für eine standardgemäße, aber fachlich ordnungsgemäße Befundung der eingesandten Präparate nicht erforderlich ist.

Die Beantwortung der Haftungsfrage hängt im Einzelfall jedoch stets von den jeweils konkreten Umständen ab. Allerdings wird man nach Auffassung des Verfassers den Pathologen nicht dafür haftbar machen können, wenn ihm Informationen vorenthalten werden, deren Kenntnis zu einer anderen oder weitergehenden Untersuchung und damit auch zu anderen Ergebnissen geführt hätten. Hier wäre dann regelmäßig der Gastroenterologe in der Haftung. Hinzuweisen ist aber darauf, dass die Rechtsprechung mittlerweile von jedem an der Behandlung beteiligten Arzt ein hohes Maß an Sorgfalt verlangt, sodass eben tatsächlich in Zweifelsfällen Rückfragen zu empfehlen sind.

 

Dr. jur. Jörg Heberer
Justitiar BVGD/DGVS
Fachanwalt für Medizinrecht, München