Keine langen Wartezeiten auf eine Vorsorgekoloskopie im November 2020

Gastbeitrag des bng (Berufsverband niedergelassener Gastroenterologen) – Seit 1. Juli 2019 gibt es ein Einladungsverfahren zur Darmkrebsfrüherkennung in Deutschland. Die Monate Juli 2019 bis Anfang März 2020 haben gezeigt: Das neue Einladungsverfahren durch die Krankenkassen zeigt Wirkung. Die Inanspruchnahme dieser Vorsorgemöglichkeit durch die Bürger nahm um ca. 25% zu, dargestellt durch die Abrechnungszahlen der Vorsorgekoloskopie durch die ambulant tätigen Vertragsärzte. Mit Einsetzen der ersten Welle der Corona-Pandemie von März bis Mai 2020 reduzierte sich die Nachfrage, aber auch das Angebot zur Durchführung einer Vorsorgekoloskopie deutlich. Im Juni 2020 nahm die Inanspruchnahme wieder erkennbar zu. Dies belegen Veröffentlichungen der KBV, des ZIs und des bng (1,2).

Können die für die Durchführung der Früherkennungskoloskopie zugelassen Ärzte, insbesondere die niedergelassenen Gastroenterologen die vermehrte Nachfrage nach einer Vorsorgekoloskopie leisten? Ina Müller (Sängerin und Talkmasterin) scheint in einem Interview mit der Apotheken-Umschau im November 2020 Zweifel daran zu haben. Sie berichtet, nur mit Mühe einen Untersucher für eine Vorsorgekoloskopie gefunden zu haben und beklagt sich über eine Wartezeit von mehr als 5 Monaten für diese Untersuchung (15.11.2020).

Dies veranlasste den bng, seine Mitglieder bzgl. der aktuellen Wartezeiten auf eine Koloskopie zu befragen. Dabei ging es darum, nicht nur die Wartezeit auf eine Vorsorgekoloskopie zu erfassen, sondern auch nachzufragen, wie schnell klinisch begründete Untersuchungen im Vergleich zur Vorsorgekoloskopie erfolgen und wie schnell dringende Koloskopien (anale Blutungen, blutige Durchfälle und Gewichtsverlust) im Durchschnitt erbracht werden.

Die Befragung erfolgte online in der Zeit vom 23.11. – 3.12.2020 und bestand aus 7 standardisierten Fragen nach der Länge der aktuellen Wartezeiten in der Praxis. Gleichzeitig wurde die Praxisstruktur (Einzelpraxis, Gemeinschaftspraxis, MVZ) und die Region erfasst, in der sich die Praxis befindet.

Ergebnisse

433 Praxen (34.3% aller niedergelassenen Mitglieder des bng) nahmen an der Befragung teil, darunter 155 (35.9%) Einzelpraxen und 277 (64.1%) Gemeinschaftspraxen/MVZs (=BGAs). Die Teilnahmequote war regional unterschiedlich. Die meisten Praxen beteiligten sich in Brandenburg (50%), Berlin (44,1%) und Baden-Württemberg (40,7%), die geringste Beteiligung ergab sich in Mecklenburg-Vorpommern (22.2%), Rheinland-Pfalz (23.1%) und Hessen (24.7%)

Wartezeiten auf eine Vorsorgekoloskopie

11% aller Praxen boten einen Vorsorgetermin schon innerhalb von 2 Wochen an. 25% der Bürger warten bis zu 4 Wochen, 12% bis zu 6 Wochen. Fast die Hälfte aller Versicherten (48%) konnte einen Untersuchungstermin innerhalb dieser Wartezeit bekommen. Nur bei 22% aller Praxen betrug die Wartezeit länger als 12 Wochen. Dabei ist die Wartezeit bei den BGAs tendenziell kürzer als in Einzelpraxen (Abb. 1)

Wartezeit bei einer Indikationskoloskopie

Stellte die Abklärung von Bauchschmerzen, Durchfällen oder ein pos. iFOBT die Indikation für eine Koloskopie dar, so boten 25% der Praxen einen Termin zur Abklärungskoloskopie schon innerhalb von 2 Wochen an. 36% der Bürger warteten bis zu 4 Wochen, weitere 15% bis zu 6 Wochen, d.h. mehr als 3/4 aller Versicherten (76%) konnten einen Untersuchungstermin zur Abklärung von Beschwerden innerhalb dieser Wartezeit bekommen. Nur bei 3.5% aller Praxen betrug die Wartezeit bei dieser Indikation länger als 12 Wochen. Auch hier ist die Wartezeit in BGAs tendenziell eher kürzer als in Einzelpraxen (Abb. 2)

Wartezeit bei dringender Indikationskoloskopie

Stellten Patienten sich mit blutigen Durchfällen und Gewichtsverlust zu Koloskopie vor, bestand also eine dringliche Indikation, so konnten 53% aller Patienten innerhalb nur einer Woche einen Untersuchungstermin erhalten. Weitere 38% der Patienten warteten in den befragten Praxen max. 2 Wochen auf eine Untersuchung, weitere 12% bis zu 4 Wochen. In dieser Indikation unterscheidet sich die Wartezeit in BGAs nicht von der in Einzelpraxen (Abb. 3)

Wartezeit von PKV-Patienten in bng-Praxen

Auch die Wartezeiten von „Privatpatienten“ auf eine Koloskopie wurden abgefragt. Dabei konnten aufgrund fehlender Abrechnungsmerkmale nicht zwischen Vorsorgeuntersuchungen und symptomatischen Patienten unterschieden werden. Bei 13% der Praxen konnten PKV- Patienten schon innerhalb von 2 Wochen einen Untersuchungstermin bekommen, 29% der Bürger warten bis zu 4 Wochen, 14% bis zu 6 Wochen. Etwas mehr als die Hälfte aller PKV- Versicherten (56%) konnten einen Untersuchungstermin innerhalb dieser Wartezeit bekommen. 94% erhielten einen Termin in bis zu 12 Wochen. In 6% aller Praxen beträgt die Wartezeit länger als 12 Wochen. In dieser Versichertengruppe unterscheidet sich die Wartezeit in BGAs nicht von der in Einzelpraxen.

Regionale Unterschiede

Eine differenzierte regionale Analyse ist insgesamt schwierig. Im Einzelnen ergaben sich jedoch deutliche Unterschiede. So gibt es Regionen, die mit Gastroenterologen und Endoskopikern gut versorgt sind. Insbesondere in ländlichen Regionen und Regionen mit geringer Bevölkerungsdichte kommt es jedoch vor, dass Bürger und Patienten mehr als 50 km fahren müssen, um einen Gastroenterologen zu finden. Insgesamt ist festzustellen, dass Wartezeiten für die Koloskopie, egal welche Indikation oder Versicherungsstatus vorliegt, in Bremen, dem Saarland, Brandenburg, Sachsen und Thüringen länger sind als in anderen Bundesländern (Abb. 4)

Fazit

Der bng führt regelmäßig Befragungen seiner Mitglieder im Rahmen von Versorgungsforschung durch. Mit mehr als 34% der Mitglieder war die Beteiligung an dieser Umfrage innerhalb von 14 Tagen außergewöhnlich hoch. Damit dürfte die Befragung repräsentativ für die Berufsgruppe sein. Die Umfrage zeigt im Weiteren, dass die überwiegende Mehrheit der bng-Praxen sehr sorgfältig mit der Allokation der „Ressource Koloskopie“ umgeht. So werden Patienten, die eine dringliche Koloskopie benötigen, zeitnahe Termine ermöglicht, um den Beschwerden und Ängsten der Betroffenen möglichst schnell ambulant Rechnung zu tragen. Obwohl die Früherkennungskoloskopie etwas besser honoriert wird als die Indikationskoloskopie, werden diese Untersuchungstermine nicht bevorzugt vergeben. In diesem Zusammenhang ist zu betonen, dass fast die Hälfte aller

Bürger, die zur Früherkennungsuntersuchungen kommen, innerhalb von 6 Wochen einen Untersuchungstermin erhalten. Die Befragung macht auch deutlich, dass PKV-Patienten nicht bevorzugt werden. Die Wartezeiten sind mit denen von GKV-Patienten vergleichbar, wenn man berücksichtigt, dass sich in der Gruppe der PKV-Patienten solche mit dringlicher Indikation, allgemeiner Abklärung, Kontrollen und Vorsorge befinden.

Die Befragung fand in der 2. Welle der COVID-19 Pandemie und im „Lockdown light“ statt. Sie zeigt die Leistungsfähigkeit der ambulanten Gastroenterologie in dieser Situation. Abklärungs- sowie dringende Koloskopien konnten trotz Einschränkungen durch die Pandemie zeitnah durchgeführt werden und Vorsorgekoloskopien wurden trotz  Erschwernisse durch zusätzliche Schutzmaßnahmen, Quarantäne-Maßnahmen etc. nicht vernachlässigt. Vorübergehende Kapazitätsengpässe in einzelnen Praxen können besonderen Umständen der Pandemie geschuldet sein.

Abbildung 1

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Abbildung 2

Abbildung 2

Abbildung 3

Abbildung 3

Abbildung 4

Abbildung 4

Literatur

  • Mangiapane S, Zhu L, Czihal T, von Stillfried D. Veränderung der vertragsärztlichen Leistungsinanspruchnahme während der COVID-Krise. Hrsg.: Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in der Bundesrepublik Deutschland 2020. Abgerufen am 11.11.2020 unter diesem Link
  • Schmidt C. Auswirkungen der COVID-19-Pandemie. Z Gastroenterol 2020; 58:1-4

Autoren

Dietrich Hüppe, Christoph Schmidt, Jens Aschenbeck, Matthias Kahl, Rudolf Loibl, Albert Beyer (Fachgrupppe Kolorektales Karzinom im Berufsverband niedergelassener Gastroenterologen (bng))