Mediziner im Dauerstress – jeder fünfte Klinikarzt denkt ans Aufhören! Was muss sich ändern?

Ärzte am Limit – haben es manche schon überschritten?
BVGD fordert Arztuntergrenzen und Neuregelung der Kostenerstattung

Berlin, März 2020 – Dokumentation von Behandlungsschritten, Terminorganisation, Zusammentragen von Vorbefunden – ökonomische, rechtliche und bürokratische Vorgaben nehmen im Alltag von Ärzten in Kliniken und Praxen eine immer größere Rolle ein. Für die eigentliche Patientenversorgung bleibt trotz steigender Patientenzahlen immer weniger Zeit. Die Folge: Viele Ärzte fühlen sich überlastet und sind mit ihrem Beruf unzufrieden. Jeder fünfte denkt über einen Berufswechsel nach. Besonders betroffen sind junge Ärzte. Unter den Ärzten unter 35 Jahren zeigen einer Studie zufolge 70 Prozent Anzeichen für einen Burn-out. Auf einer Pressekonferenz des Berufsverbandes Gastroenterologie Deutschland e.V. (BVGD) am 10. März 2020 in Berlin sprechen Mediziner und Gesundheitsökonomen darüber, was die Ursachen dieser Misere sind, welche Gruppen in der Ärzteschaft besonders betroffen sind und wie die Einführung von Arztuntergrenzen und eine Abschaffung des G-DRG-Systems zu einer Lösung beitragen können.

Arbeitsverdichtung, Personalmangel und ökonomische Erwartungen der Klinikbetreiber sind laut einer Mitgliederbefragung des Marburger Bundes aus dem Jahr 2019 die Gründe dafür, dass sich fast 60 Prozent der Ärzte überlastet fühlen, da sie häufig bis ständig über ihre körperlichen Grenzen gehen müssten. 21 Prozent denken sogar über einen Berufswechsel nach. Professor Dr. Joachim Labenz, Vorstandsvorsitzender des BVGD und Direktor der Klinik für Innere Medizin am Diakonie Klinikum Jung-Stilling in Siegen macht Zeit- und Kostendruck sowie überbordende Bürokratie als weitere Ursachen dieses Zustands aus. „Wer Medizin studiert und Arzt wird, will kranken Menschen helfen. In der Realität verbringen viele Ärzte aber mehr als die Hälfte ihrer Arbeitszeit mit Verwaltungs- und Schreibaufgaben, weil die Kliniken das dafür benötigte Personal aus Kostengründen einsparen mussten.“ Durch die zusätzlichen Aufgaben fehle den Ärzten die Zeit für die persönliche und individuelle Patientenbetreuung, so Labenz. „Viele Ärzte sind durch die immer neuen Aufgaben, irrwitzige Dienstpläne mit wechselnden Schichtdiensten und billigend in Kauf

genommene Überstunden bereits nahe an der Belastungsgrenze, manche schon darüber hinaus.“ Der ökonomische Druck auf die Kliniken und damit auch auf die Ärzte beeinflusse zudem bereits die ärztlichen Entscheidungen. „Ärzte erliegen teilweise dem Kostendruck und führen statt der medizinisch gebotenen vielleicht die eher lukrativeren Behandlungen durch.“ Daraus resultiere ein Vertrauensverlust zwischen Patienten und Ärzten, der nach Einschätzung von Labenz die gefährlichste Konsequenz sei.

Einen Ausweg aus dieser Situation sieht Labenz in der Abschaffung des Systems der diagnosebezogenen Fallpauschalen, kurz G-DRG-System, nach dem die Krankenhäuser die Kosten stationärer Behandlungen mit den Krankenkassen abrechnen. „Ökonomische Aspekte dürfen medizinische Entscheidungen nicht beeinflussen. Denn ärztliche Tätigkeit unter dem Druck der Kosten führt zwangsläufig zu einem Qualitätsverlust.“ Gleichzeitig fordert Labenz, die Weiterbildung junger Ärzte in die Stellenberechnung einzubeziehen und durch die Einführung von Arztuntergrenzen die Zahl der Patienten, die ein Arzt zu betreuen hat, zu begrenzen. Auch müsste in den Kliniken zusätzliches Personal für Dokumentation und Verwaltung eingestellt werden, sodass sich Ärzte wieder auf ihre eigentliche Aufgabe, die Patientenbetreuung, konzentrieren können.