Offener Brief an die Bundeskanzlerin und den Bundesgesundheitsminister: Qualitätsgesicherte Darmkrebsvorsorge in Gefahr

In Anbetracht der Corona Pandemie ist es sicher vorrangig notwendig, sich auf die dafür wichtigen ärztlichen und pflegerischen Aktivitäten zu konzentrieren. In diesen Wochen wird daher die Darmkrebsvorsorge nachrangig sein und in den Hintergrund treten. Das löst aber die entstandenen Probleme nicht, denn die Corona Pandemie wird auch wieder abflauen. Der BVGD hat sich gemeinsam mit anderen Organisationen an die Bundeskanzlerin und an den Bundesgesundheitsminister gewandt mit der Forderung, die Reform des Erweiterten Bewertungsmaßstabs EBM neu zu justieren.

Wir sehen nach der am 11. Dezember 2019 verabschiedeten Reform des erweiterten Bewertungsmaßstabs EBM eine ernsthafte Gefahr für das Ziel der weiteren Verbreitung einer qualitätsgesicherten Darmkrebsvorsorge.

Ein Grund für diese Besorgnis ist, dass die kassenärztliche Bundesvereinigung im Rahmen dieser Reform die durchschnittliche Untersuchungszeit einer Koloskopie (Darmspiegelung) als Bemessungsgrundlage deutlich verkürzt hat.  So werden für eine Koloskopie nur noch 18 Minuten Untersuchungszeit hinterlegt.

Die tatsächlich erforderliche Zeit wurde detailliert durch die wissenschaftliche gastroenterologische Fachgesellschaft (DGVS) erfasst. Die mittlere Untersuchungszeit beträgt demnach 32,2 Minuten und ist fast doppelt so lang im Vergleich zur EBM-Kalkulation. Diese Daten wurden umfangreich validiert und standen u.a. als Grundlage für den vom InEK offiziell anerkannten Leistungskatalog für die gastroenterologische Endoskopie zur Verfügung. Dagegen gibt es für die laut EBM-Kalkulation veranschlagten 18 Minuten keine rationale Datenbasis. Sie widerspricht auch jeder Erfahrung von Gastroenterologen in Praxis und Klinik.

Eine „möglichst schnelle“ Endoskopie ist kein Merkmal für eine hohe Qualität – im Gegenteil: eine Vielzahl auch internationaler Studien hat die Bedeutung der längeren Untersuchungszeit für die Detektion von Karzinomen und ihren Vorstufen im Verdauungstrakt eindrucksvoll herausgearbeitet. Vor diesem Hintergrund können wir die Intention dieser Reform nicht nachvollziehen. Bei wirtschaftlicher Arbeitsweise ist sie ein Aufruf zu einer qualitätsgeminderten Diagnostik in einer Zeit, in der hohe Qualität von Politik, Kostenträgern und insbesondere Patienten (zurecht) gefordert wird. Diese Absage an eine qualitativ hochwertige Diagnostik konterkariert das Bemühen des Gesetzgebers, die Darmkrebsvorsorge aufgrund ihrer nachgewiesenen und lebensrettenden Wirksamkeit durch ein Einladungsverfahren und eine Absenkung der Altersgrenze für Männer auf 50 Jahre deutlich auszuweiten.

Aus Gründen der Qualitätssicherung, der Patientensicherheit, der informierten Entscheidung und wegen des sinnvollen Anspruchs der politischen Entscheider, die effektive Darmkrebsvorsoge auszudehnen, appellieren wir mit Nachdruck an alle Verantwortlichen, diese Entscheidung möglichst bald zu korrigieren.

Erste Gespräche mit Patientenvertretern haben bereits deutlich gemacht, dass unsere Patienten die gleichen Vorstellungen in Bezug auf / Ansprüche an eine qualitätsorientierte und verantwortliche Darmkrebsvorsorge haben und nicht Leidtragende einer ökonomisch getriggerten Medizin sein wollen.

Wir sind jederzeit offen für Gespräche zur Beseitigung dieser aus unserer Sicht nicht nachvollziehbaren Entscheidung.

Offener Brief an die Bundeskanzlerin

Offener Brief an den Bundesgesundheitsminister